
Warum haben viele Ehrenamtliche Angst, vor Publikum zu sprechen?
1. Wenn das Herz schneller schlägt …
Ein neues Projekt soll vorgestellt werden. Die Bühne ist aufgebaut, die Gäste (Politiker, Spender, Presse, …) trudeln ein, die Stimmung ist gut. Nun sollst du das Wort ergreifen. Für deinen Verein, für eure großartige Arbeit, für die Hilfsbedürftigen.
Du weißt, was du sagen möchtest. Aber dein Herz klopft wie ein Vorschlaghammer, deine Stimme wird dünn, dein Mund trocken. Am liebsten würdest du dich heimlich vom Acker machen.
Klingt vertraut?
Keine Sorge, du bist nicht allein. Gerade im Ehrenamt erleben viele Menschen Redeangst als echte Hürde. Dabei geht es gar nicht um Rampensau-Mentalität oder perfekte Rhetorik. Es geht ums Gehörtwerden. Ums Sichtbarwerden. Und um die Frage: Warum macht uns das eigentlich so viel Angst?
Auch ein alter Akrobat geht nicht ohne Herzklopfen aufs Seil.
Friedrich Theodor von Vischer
2. Redeangst, die häufigste Angst überhaupt?
Die Chapman University in Kalifornien veröffentlicht regelmäßig Studien zu den größten Ängsten der Bevölkerung. Das Ergebnis ist seit Jahren erstaunlich konstant: Die Angst vor öffentlichem Reden liegt auf Platz 1. Noch vor Höhenangst, Spinnen oder sogar der Angst vor dem Tod.

Diese Angst limitiert sich nicht auf die Einwohner der Vereinigten Staaten. Auch in Europa leiden viele Menschen darunter.
Doch während Manager oft ein Rhetorik-Coaching bekommen oder sich professionelle Redner leisten, stehen Ehrenamtliche mit ihrer Redeangst wiederholt alleine da.
Viele Menschen begraben ihre Angst vor’m Sterben erst, wenn sie tot sind.
Fred Ammon
3. Welche Ängste stecken hinter der Redeangst?
Redeangst ist selten nur „eine“ Angst. Sie ist ein ganzes Bündel aus Unsicherheiten. Sie sind oft tief verwurzelt und ganz individuell. Hier sind die häufigsten:
a) Angst vor Verletzlichkeit
Reden heißt, sich zeigen. Nicht nur mit Worten, sondern mit Haltung, Stimme, Emotion. Und wer sich zeigt, macht sich angreifbar. „Was, wenn ich etwas Falsches sage? Oder jemand lacht? Wenn ich ein Blackout erlebe?“
b) Angst aufzufallen
Viele Ehrenamtliche wirken lieber im Hintergrund. Sie fühlen sich dort sicherer. Vorne zu stehen heißt: alle Augen auf mich. Für manche ist das der pure Stress.
c) Angst, unvorbereitet zu sein
„Ich bin doch kein Profi!“ Der Gedanke, einer plötzlichen Frage nicht gewachsen zu sein oder etwas zu vergessen, blockiert viele, bevor sie überhaupt anfangen.
d) Angst, sich von der Masse abzuheben
In vielen Vereinen herrscht ein starkes Gemeinschaftsgefühl, was toll ist. Aber das kann auch zur inneren Hürde werden: Wer bin ich, dass ich jetzt da vorne stehe?
e) Angst vor Bewertung oder Kritik
Was, wenn andere denken: „Was will die/der denn da vorne?“ Oder: „Das hätte ein anderer besser machen können.“ Diese Angst sitzt tief, meistens geprägt durch alte Erfahrungen aus dem Elternhaus, aus der Schule oder dem Beruf.
f) Angst vor einem Blackout
Was, wenn ich den Faden verliere? Dastehe wie ein Fragezeichen? Diese Angst ist so verbreitet, dass sie fast schon ein Klassiker ist. Das bedeutet aber deshalb nicht, sie weniger ernst zu nehmen.
Warum hast du so viel Angst
nur der zu sein
der du auch bist
Hans-Christoph Neuert
4. Was passiert im Körper, wenn man Redeangst hat?
Der Körper reagiert bei vielen Menschen auf die Vorstellung einer Rede, wie auf eine Bedrohung Er schaltet in den „Kampf-oder-Flucht“-Modus. Das ist ein uralter Mechanismus:
- Das Herz schlägt schneller, um mehr Blut in die Muskeln zu pumpen
- Die Atmung wird flacher
- Der Mund wird trocken
- Die Hände zittern
- Der Magen verkrampft
- Das Denken wird eng. Der Fokus liegt auf „Überleben“, nicht auf Struktur, Körperhaltung oder Charme
Kurz gesagt: Dein Körper verhält sich so, als würdest du gleich einem Säbelzahntiger begegnen, obwohl nur 20 erwartungsvolle Gesichter vor dir sitzen.
Glück bedeutet, keine Schmerzen im Körper und keine Sorgen im Geist zu haben.
Thomas Jefferson
5. Wie kann sich diese Angst auswirken?
Redeangst ist mehr als ein flaues Gefühl. Sie hat konkrete Auswirkungen:
- Reden werden vermieden: „Ach, das macht lieber jemand anderes …“
- Botschaften gehen unter: Wenn niemand vom Verein spricht, bleiben viele Wohltaten unsichtbar.
- Chancen werden verpasst: Für Spenden, neue Mitglieder, wertvolle Kontakte.
- Innere Spannungen wachsen: Wer sich selbst als unfähig erlebt, zieht sich oft zurück.
- Das Ehrenamt verliert an Strahlkraft: Nicht, weil die Arbeit schlecht ist, sondern weil sie nicht nach außen sichtbar wird.
Das ist tragisch. Vor allem, weil es nicht sein muss.
Ein Mensch kann erst der Mensch sein, der er sein will, wenn er sich von seiner Angst, zu reden und zu führen, frei gemacht hat.
Jennifer Victoria Withelm
6. Was hilft gegen Redeangst?
Die gute Nachricht: Redeangst ist kein Schicksal. Auftritte mit geringem oder sogar ohne Lampenfieber sind trainierbar. Und zwar nicht durch große Heldentaten, sondern durch kleine, gezielte Schritte.
a) Höheres Selbstvertrauen entwickeln
Wer sich selbst vertraut, strahlt Sicherheit aus, auch bei Unsicherheit. Selbstvertrauen entsteht durch Erfahrung, Vorbereitung und Erfolgserlebnisse.
b) Selbstwertgefühl stärken
Wer sich selbst als wertvoll erlebt, nimmt sich auch das Recht zu sprechen. Hier geht es um mehr als Rhetorik. Es geht um innere Haltung.
c) Realistische Erwartungen setzen
Du musst nicht wie Barack Obama auftreten und reden. Es reicht, wenn du du selbst bist:
– authentisch,
– echt,
– klar.
d) Sich gezielt vorbereiten
Ein klarer Einstieg, ein roter Faden, eine gute Struktur, all das gibt dir Halt.
e) In kleinen Schritten üben
Rede in vertrauten Gruppen. Stell dich im Teammeeting kurz vor. Sprich über Themen, die dir am Herzen liegen. Je häufiger du dich traust, desto normaler wird es.
f) Mentale Techniken nutzen
Atemübungen, Visualisierung, ein innerer Anker, das sind einfache, aber wirkungsvolle Tools, um Nervosität in den Griff zu bekommen.
Die einzige und ehrlichste Hilfe, ist die Hilfe zur Selbsthilfe!
Alfred Selacher
7. Wie kann man das erreichen?
Man muss kein Profi-Speaker sein, um sicher aufzutreten. Oft reichen einfache Impulse, ein paar Minuten am Tag, und das Wissen: Ich bin nicht allein mit meiner Angst.
Und genau dafür habe ich einen Leitfaden entwickelt, speziell für engagierte Ehrenamtliche wie dich:
„Dein Erste-Hilfe-Guide gegen Lampenfieber“ – mit 7 praktischen Tricks, die du kurz vor deinem Auftritt anwenden kannst. Für mehr Ruhe, Fokus und Sicherheit.
🡪 Hier kostenlos downloaden.
Probleme sind in Aufgaben verpackte Lösungen.
Gaby Barg
Fazit: Die Angst darf da sein, aber sie darf dich nicht aufhalten
Redeangst ist normal. Gerade im Ehrenamt, wo man oft ganz plötzlich „nach vorne“ geschoben wird. Aber sie ist kein unüberwindbares Hindernis. Sie ist ein Signal und sie lässt sich mit der richtigen Unterstützung abbauen.
Du hast etwas zu sagen. Du engagierst dich mit Herzblut. Dann lass deine Stimme nicht länger schweigen.
Denn dein Verein, dein Projekt, deine Botschaft: sie verdienen Gehör.
Nur wer etwas sagt, wird Gehör finden.
Richard Ginnow
Titelbild: Depositphotos