Kritiken im Ehrenamt, ja das gibt es.

Kritiken im Ehrenamt, ja das gibt es.

Wie gehst du mit Kritiken im Ehrenamt um?

Wenn ich hier von Kritiken im Ehrenamt spreche, dann meine ich nicht die konstruktive Kritik, die uns hilft zu wachsen und zu lernen und die uns gut tut. Ich spreche von der Kritik, die uns fühlen lässt, wir seinen unqualifiziert. Kritik, die unser Vertrauen angreift, die uns ängstlich macht und Stress bei uns auslöst – kurz gesagt, die uns leidend macht.

Du hast also den Posten des Teamleaders übernommen. Und damit auch die Kritiken, ja?

Nächste Frage: Wurdest du im Vorfeld auf die emotionalen Herausforderungen eines Leaders vorbereitet? Nein? Ich auch nicht. Als ich 2003 die Funktion des Teamleaders der Kriseninterventionsgruppe GSP (Groupe de Support Psychologique) des Zivilschutzes übernahm, war das wie ein Sprung ins Eiswasser für mich.

Kritiken im Ehrenamt sind ein fast täglicher Begleiter für die meisten Führungskräfte. Sie erscheinen dir in allen denkbaren Formen, von schriftlichen Kommentaren über direkte verbale Herausforderungen, von Leuten beim „aus der Tür gehen“, oder von Anonymen ohne Mut, die dir Notizen zusenden.

Du hast Angst davor? Ich fürchtete mich davor. Wer nicht?

Tatsache ist, es kann dir deinen Tag, deine Woche, deine Arbeit vermiesen.

Sehr oft hatte ich sarkastische, unreife und emotionale Antworten auf meinen Lippen, um meinen Kritikern zu antworten, wenn sie mich trafen.

Trifft uns Kritik, neigen wir zum Widerspruch, bevor wir geprüft haben, ob sie berechtigt ist.

Ernst Reinhardt

Also, was unternimmst du, wenn du Kritiken erhältst?

Begreife dies zu Kritiken im Ehrenamt!

Es ist angenehm, anzunehmen, dass im Ehrenamt niemand kritisiert wird. Das Resultat aber ist ernüchternd. Ich kenne mehrere Führungskräfte im Ehrenamt, die über längere Zeit Kritiken ausgesetzt waren, um sich schlussendlich dann von ihrem Posten zurückzuziehen.

Solange es Vorgesetzte, Mitarbeiter, Spender und Hilfsbedürftige gibt, bist du als Führungskraft im Ehrenamt Kritiken ausgesetzt!

Dann kommen wir zur entscheidenden Frage: Wie kann ich Kritiken am besten vermeiden?

Der einfachste Weg wesentliche Kritiken zu vermeiden ist, nichts Wesentliches zu unternehmen. Vermeidung führt aber immer zum Bedauern, nichts zu tun. Wie gehst du mit Kritiken um, denen du unweigerlich ausgesetzt sein wirst?

Lange Zeit dachte ich, ich würde „normal“ darauf reagieren. Ich versuchte, mich zu verteidigen, abzustreiten und wenn ich einen wirklich schlechten Tag hatte, war der Wunsch da, Vergeltung auszuüben. Die Zeit und Erfahrung haben mich gelehrt: Nichts davon ist gut! Also vergiss diese Möglichkeiten.

Wenn du Führungskräfte beobachtest, die auf Dauer keine guten Leader waren, so stellst du fest, dass sie fast immer mit nicht durchdachten Antworten auf Kritiken reagierten.

Ob Kritik konstruktiv wird, entscheidet der Kritisierte.

Ekkehart Mittelberg

Ich stelle dir hier fünf Wege vor, wie du mit Kritiken im Ehrenamt umgehst wie ein Profi:

1. Reagiere nicht innerhalb von 24 Stunden

Jedes Mal, wenn du eine kritische E-Mail, einen kritischen Kommentar, einen kritischen Text oder Telefonanruf erhältst, reagierst du körperlich und seelisch. Dein Herz schlägt schneller. Du fühlst dich verletzt, ja sogar „gebrochen“, je nachdem, wie was formuliert wurde. Und manchmal wirst du wütend.

Normalerweise, wenn das passiert, lassen deine Gefühle dein Gehirn entgleisen. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass nichts Gutes dabei herauskommt, wenn ich aufgebracht bin. Wenn ich in dieser Verfassung versucht habe die Sache klarzustellen, verschlimmerte ich die Situation fast immer. Sogar wenn ich sicher war, dass ich überzeugend genug war, habe ich es vermasselt – weil ich zu sehr verärgert war.

Ich analysierte mein Verhalten, suchte mir Rat bei anderen Leadern, in Büchern, im Netz, um mir selbst, schlussendlich ein Versprechen zu geben: Wenn ich eine emotionale Reaktion auf Kritiken fühle, werde ich nicht innerhalb der nächsten 24 Stunden reagieren!

Das lässt sich sehr gut arrangieren, wenn es sich um eine E-Mail, eine SMS oder eine schriftliche Notiz handelt. Gönne dir eine Schlafphase! Wenn es zu einem verbalen Austausch kommt, beiße dir auf die Zunge. Bedanke dich für die Kritik. Sage sehr wenig bis überhaupt nichts! Auf jeden Fall, antworte nicht! Ja, das ist manchmal sehr schwierig, aber es wirkt.

Nach 24 Stunden passiert normalerweise etwas Wunderliches. Dein Gehirn funktioniert wieder. Am Tag danach kannst du verständlich und rationell auf etwas antworten, worauf du vorher nur emotional reagiert hättest. Du hast Zeit verstreichen lassen, hast vorher eventuell mit Freunden geredet. Du hast dir überlegt, wie du angemessen und ehrlich antworten könntest.

Bei dieser Vorgehensweise verlierst du nichts, kannst aber sehr viel gewinnen.

2. Frag dich selbst: Ist etwas Wahres dran?

Während diesen 24 Stunden stellst du dir eine Menge Fragen. Die wichtigste davon lautet: Ist etwas Wahres dran? Manchmal findest du nichts. Sehr oft gibt es etwas. Wenn du dir nicht sicher bist, frag einen Freund oder Kollegen. Es könnte sein, dass sie etwas erkennen, was dein Kritiker auch sieht – nur du siehst es nicht. Wenn da nur ein ganz kleiner Teil von Wahrheit in dieser Kritik liegt, so kann das dir helfen, zu einer besseren Person und zu einer ausgereifteren Führungskraft zu werden.

Ich kann mich an einen solchen Fall erinnern. In einem Kursus, der über drei Tage ging, kritisierte ein Teilnehmer eine meiner Aussagen äußerst negativ. Ich blieb erst mal ganz defensiv. Glücklicherweise sagte ich nichts und antwortete nicht darauf. Am darauffolgenden Tag – und fast ausgeschlafen – nach Gesprächen mit zwei Kollegen, die auch während der Kritik anwesend waren, erkannte ich, dass der Teilnehmer in einem bestimmten Punkt recht hatte.

Ich gab ihm dann vor versammelten Kursteilnehmern recht. Diese Situation machte mich zu einem besseren Ausbilder und besseren Leader. Diese Kritik forderte mich zum Nachdenken auf, was dazu führte, dass ich meine Sichtweise änderte. Ich berücksichtigte andere Aspekte und konnte so hinzulernen. Ohne diese Kritik hätte ich das alles verpasst.

Sogar wenn überhaupt nichts Wahres in der Kritik steckt, so hast du sie zumindest ernsthaft zur Kenntnis genommen. Leider braucht es oft Zeit, um es zu erkennen. Daher gib dir selbst Zeit, es herauszufinden.

3. Behalte nur die wichtigsten Fakten

Natürlich gab es auch Kritiken, die durchdachte Begründungen hervorbrachten, aus denen ich sehr viel lernen konnte. In solchen Fällen war ich wirklich dankbar für Kritiken. Selbst wenn du nur einen kleinen Teil Wahrheit in dem findest, was man dir vorwarf, zieh einfach das Wichtigste für dich heraus.

Ehrlichkeit ist der schönste Juwel der Kritik

Benjamin Disraeli

Wenn aber jemand sich beleidigend über das von dir Gesagte geäußert hat, versuche ihn zu verstehen, auch wenn die Kritik schrecklich überzogen war.

Wenn der Ton und die Form der Kritik beleidigend oder kränkend sind, erwidere in einer taktvollen Weise etwa so: „Ich bin nicht gewohnt, dass jemand so mit mir spricht. Ich rede nicht so mit dir, also will ich auch nicht, dass jemand so mit mir spricht.“

Gute Führungskräfte übernehmen Verantwortung, schwache Führungskräfte machen Vorwürfe!

4. Antworte verbindlich

Nur weil jemand dir mitten in der Nacht eine SMS zuschickt, musst du das nicht auch tun. Das gilt auch bei einem aggressiven Post auf den sozialen Netzen. Genau in dem Ton zu antworten, wäre das Letzte, was die Welt bräuchte.

Antworte in einer Weise, die zuvorkommender ist als die Art wie du angegangen wurdest. Hier einige Beispiele zum besseren Verständnis:

  • Wenn jemand dir eine E-Mail schreibt, ruf ihn an. Du schreckst die Person auf, denn viele Leute sind dreister in E-Mails, als sie es im Gespräch sind. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, es kommt nichts Positives dabei heraus, wenn man versucht, einen Konflikt per E-Mail zu lösen.
  • Du wirst von jemandem in der Eingangshalle scharf kritisiert. Lade ihn direkt zu einem Kaffee ein. Erkläre der Person, dass du etwas von ihr lernen willst und sprich das Problem persönlich an.
  • Wenn jemand dich, während einer Sitzung wütend kritisiert, geh im Anschluss daran mit ihm essen.

In neun von zehn Fällen nimmst du damit die Luft aus dem Konfliktballon heraus. Und wenn diese Leute einsichtig sind und ihr euch fair austauscht, wirst du sehen, wie schnell sich die Situation bessert.

5. Wirf den Mist weg!

In den meisten Fällen ist der ganze Inhalt der Kritik unangebracht und an den Haaren herbeigezogen, eben nur für die Katz. Darum antworte freundlich und entgegenkommend und vergiss das Ganze!

Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass 95% aller Konflikte in einem Verein überhaupt nichts mit dem Verein selbst zu tun haben. Dein Kritiker könnte nur einen riesigen Streit mit seiner Tochter gehabt haben, bevor er sich an seine Tastatur setzte und dich scharf kritisierte. Dein Kritiker ist auch vielleicht einfach nur eine wütende Persönlichkeit, die mit sich selbst Probleme über Probleme hat. Und du bekommst leider einen unfairen Schuss ab. Oder es ist jemand, der nur wütend auf die ganze Welt ist.

Aber wir dürfen nicht aus Bequemlichkeit von der Annahme ausgehen, dass alle unsere Kritiker übergeschnappt oder frustriert sind oder, dass sie eine psychologische Beratung brauchen.    

Wir sollten dabei aber auf keinen Fall vergessen, dass auch gute Menschen manchmal einen schlechten Tag haben oder Dinge tun oder sagen, die komplett realitätsfremd sind. Wenn das passiert, dann musst du es an dir abtropfen lassen und nicht länger mit dir herumschleppen.

Ich habe herausgefunden, dass wenn ich diese fünf Schritte befolge, es mir am Ende besser geht, als wenn ich sofort gehandelt hätte.

Ich verbleibe mit einem Zitat von Victor Hugo:

Der letzte Beweis von Größe liegt darin, Kritik ohne Groll zu ertragen

Victor Hugo

Wie gehst du mit Kritiken um? Kannst du mir zusätzliche Tipps geben?

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Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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