Die 7 häufigsten Nein-Gründe, zu Reden im Ehrenamt
Öffentliches Sprechen ist im Ehrenamt wichtiger, als viele denken.
Vereine, Initiativen und gemeinnützige Organisationen müssen regelmäßig sichtbar sein. Bei
- Veranstaltungen,
- Pressegesprächen,
- Workshops,
- Mitgliederversammlungen,
- Sponsorenmeetings
- auf Social Media
- …
Wer spricht, schafft Vertrauen, klärt Missverständnisse, motiviert Freiwillige, gewinnt Unterstützer und macht Anliegen verständlich.
Und trotzdem haben viele Ehrenamtliche eines gemeinsam: Sie sagen Nein, sobald eine Rede, ein Statement oder ein kurzer Auftritt gefragt ist.
Nicht etwa, weil sie nichts zu sagen hätten, im Gegenteil. Oft haben genau jene Personen, die sich zurückhalten, wertvolle Erfahrungen, Geschichten und Einblicke. Doch sie bleiben unsichtbar.
Warum ist das so? Die folgenden sieben Nein-Gründe tauchen im Ehrenamt besonders häufig auf. Gute Nachricht: Viele davon sind lösbar, sobald man versteht, was dahintersteckt.
Wenn Lippen »Nein« sagen, dann befrage doch die Augen.
Hilarius von Poitiers
1. Angst vor Blamage
Typische Sätze:
• „Alle schauen mich an…“
• „Was, wenn ich mich verspreche?“
• „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
Diese Form der Zurückhaltung entsteht selten aus reiner Schüchternheit, sondern aus Angst vor Bewertung. Schule, berufliche Meetings oder öffentliche Kritik prägen solche Erfahrungen oft über Jahre.
Vielen Freiwilligen fehlt zudem die Vorstellung, wie ein wohlwollendes Publikum tatsächlich reagiert. Ehrenamtliche Gruppen sind im Regelfall deutlich hilfsbereiter als berufliche Kontexte. Doch das blendet das Gehirn im Stress aus.
Für gemeinnützige Strukturen ist das ein Problem:
Wenn Menschen aus Angst schweigen, gehen Geschichten verloren.
Veranstaltungen wirken blass, Presseberichte uninspiriert, Projekte werden nicht sichtbar, obwohl im Hintergrund engagierte Persönlichkeiten stehen.
Die Lösung beginnt nicht mit Rhetoriktricks, sondern mit sicheren Mikro-Auftritten:
- kurze Dankesworte,
- Vorstellungsrunden,
- interne Updates.
Wer ein paar positive Erfahrungen sammelt, revidiert das eigene Bild von „bühnenfeindlicher Welt“ sehr schnell.
Mut ist Widerstand gegen die Angst, Sieg über die Angst, aber nicht Abwesenheit von Angst.
Mark Twain
2. Fehlende Routine („Ich hab das noch nie gemacht“)
Typische Sätze:
• „Ich bin kein Redner.“
• „Nein, nicht mein Ding.“
• „Ich hab das noch nie gemacht.“
• „Das habe ich in der Schule nicht gelernt.“
Viele verwechseln mangelnde Übung mit mangelnder Fähigkeit.
Dabei ist Sprechen ein Handwerk, das mit Wiederholung leichter wird. Ähnlich wie Fahrradfahren oder Tanzen.
Dass es vielen Ehrenamtlichen schwer fällt, liegt oft schlicht daran, dass sie nie Gelegenheit hatten, es auszuprobieren. Wer sich im Beruf nicht mit Präsentationen befassen musste und in der Schule wenig positive Redeerfahrungen gemacht hat, kann kaum Routine entwickeln.
Routine fehlt besonders stark in Vereinen, in denen immer dieselben zwei bis drei Personen sprechen: Vorsitzende, Pressesprecher, langjährige Funktionäre.
Das Resultat: Überlastung bei wenigen, Unsicherheit bei vielen und eine stille Mehrheit, die sich selbst ausbremst.
Wichtig ist: Niemand wird durch Nachdenken routinierter. Gewohnheit entsteht nur durch Machen. Drei bis fünf kleine Redeanlässe pro Jahr reichen aus, um eine spürbare Veränderung zu erzeugen.
Routine und jugendliche Unbekümmertheit sind ein seltenes Gespann.
Kurt Haberstich
3. Unklare Erwartungen („Wie lange soll ich da reden?“)
Typische Sätze:
• „Was brauche ich dafür?“
• „Wer ist mein Publikum?“
• „Wie lange soll ich da reden?“
Viele scheinbar „ängstliche“ Ehrenamtliche haben gar kein Redeproblem, sondern ein Problem mit der Auslegung. Sie wissen nicht,
- welchen Rahmen,
- welche Zielsetzung oder
- welche Dauer der Auftritt hat.
Diese Informationslücke erzeugt Unsicherheit und diese erzeugt Ablehnung.
Das ist kein individuelles Defizit, sondern ein Organisationsfehler. In vielen Vereinen werden Redeanfragen spontan gestellt („Kannst du kurz was sagen?“ oder „Kannst du heute Abend für mich einspringen?“), ohne dass jemand vorher Zielgruppe, Botschaft oder Ablauf klärt.
Für das Ehrenamt hat das zwei Nachteile:
- Kommunikationsqualität sinkt.
- Freiwillige lehnen ab, obwohl sie eigentlich gerne geholfen hätten.
Bereits ein minimalistisches Rede-Briefing verhindert das:
👉Anlass
👉Ziel
👉Publikum
👉Dauer
👉Kernbotschaft
👉Moderation.
Diese sechs Punkte reichen aus, um Beruhigung und Klarheit zu erzeugen.
Nichts ist schlimmer, als Unklarheit über das eigene Handeln!
Theodor Billroth
4. Perfektionismus („Nein“ statt Qualität)
Typische Sätze:
• „Ich brauche noch Zeit…“
• „Ich muss mich besser vorbereiten.“
• „Wenn ich schon spreche, dann aber richtig.“
Perfektionismus ist in vielen Ehrenamtsstrukturen besonders ausgeprägt, weil Personen häufig „für den Verein sprechen“, nicht für sich selbst. Sie fühlen sich verantwortlich für das Bild der Organisation und wollen nichts „kaputt machen“.
Dieser Anspruch ist verständlich, führt aber oft zum Gegenteil:
- Menschen blockieren sich,
- verschieben Entscheidungen, oder
- lehnen komplett ab.
Perfektionismus ist selten ein Qualitätsmerkmal. Meistens ist es ein Schutzmechanismus gegen Kritik. Und im Ehrenamt ist dieser Mechanismus besonders stark, weil niemand für diese Aufgabe bezahlt wird. Freiwillige wollen etwas gut machen, aber nicht um jeden Preis.
Publikum erwartet im Ehrenamt jedoch keine Hochglanz-TED-Performance, sondern
- Authentizität,
- Einordnung und
- Herz.
„Gebrauchstauglich vor perfekt“ ist hier nicht nur legitim, sondern wirksam.
Äußerlicher Perfektionismus kaschiert oft die innerlichen Defizite.
Justus Vogt
5. Zeit- und Vorbereitungskonflikte
Typische Sätze:
• „Das passt diese Woche nicht.“
• „Nein, ich komme direkt von der Arbeit.“
• „Ich kann mich nicht richtig vorbereiten.“
Ehrenamt findet selten im Leerlauf statt. Viele Freiwillige balancieren mit Beruf, Familie, Verpflichtungen und Verein. Wenn eine Redeanfrage zusätzliche Abende, Folienerstellen oder Recherchen bedeutet, kippt sie schnell in die Kategorie „überlastend“.
Das führt zu einem häufigen Missverständnis: Außenstehende glauben, die Person habe Angst. Tatsächlich verfügt sie nicht über die benötigten Kapazitäten.
Für Organisationen ist das bedeutend, weil Zeitaufwand oft unnötig hoch ist. Drei Beispiele:
- Keine Vorlagen für Ansprachen.
- Keine klaren Textbausteine für Dankesworte, Projektbeschreibungen, Sponsoren.
- Keine realistische Länge („Kannst du 20 Minuten reden?“ statt 2–3 Minuten).
Ist der Aufwand für die Freiwilligen annehmbar, erhöht sich die Bereitschaft. Viele Ehrenamtliche sagen nicht „Ich will nicht sprechen“, sondern „Ich kann das nicht zusätzlich leisten“. Das ist ein völlig anderer Ausgangspunkt und leicht lösbar.
Verschiebe die Vorbereitung auf die Zukunft nie auf morgen.
Pavel Kosorin
6. Geringe Sichtbarkeitserfahrung („Nein, ich bin lieber im Hintergrund…“)
Typische Sätze:
• „Andere können das besser…“
• „Ich arbeite lieber im Hintergrund.“
• „Ich muss nicht im Mittelpunkt stehen.“
Viele Ehrenamtliche meiden Sichtbarkeit, ohne Angst zu haben. Sie haben schlicht kein Interesse daran, vor Gruppen zu stehen oder öffentlich wahrgenommen zu werden. Oft steckt dahinter ein Missverständnis: Sichtbarkeit wird mit Eitelkeit verwechselt.
Dabei ist öffentliche Kommunikation im Ehrenamt keine Bühne fürs Ego, sondern ein Dienst an der Sache. Wer spricht, erklärt, was für Außenstehende sonst unsichtbar bleibt:
👉wofür man kämpft,
👉warum es wichtig ist,
👉warum Engagement gebraucht wird.
Wenn niemand spricht, leidet das Gemeinwohlprojekt. Das betrifft besonders:
• Spendenakquise.
• Anerkennungskultur.
• Mitgliedergewinnung.
• politische Unterstützung.
Sichtbarkeit kann leise, würdevoll und zurückhaltend sein. Statements, kurze Erklärungen oder moderierte Gesprächsformate sind völlig ausreichend.
Im Hintergrund lässt sich die Welt formen. Im Rampenlicht formt sie Dich.
Torsten Marold
7. Rollenmissverständnisse („Das ist nicht mein Job…“)
Typische Sätze:
• „Ich bin nur…“
• „Dafür ist der Vorsitzende da.“
• „Nein, das macht unser Pressesprecher.“
Hier zeigt sich ein strukturelles Problem: Viele Ehrenamtliche glauben, sie seien nicht „zuständig“. Sie verwechseln „öffentlich sprechen“ mit „offizielle Funktion ausüben“. Dabei braucht ein Verein nicht nur Führungskräfte, sondern Personen, die authentische Einblicke geben.
Es sind oft nicht die Vorsitzenden, die die stärksten Geschichten haben, sondern die Menschen, die Projekte real umsetzen. Wenn diese Stimmen fehlen, wirkt der Verein nach außen bürokratisch statt lebendig.
Die Lösung liegt in der Rollenklarheit:
Öffentlich sprechen heißt nicht „Führungsrolle“, sondern „Erfahrungen teilen“. Sobald das verstanden wird, lösen sich viele Hemmungen auf.
Ein jedes Missverständnis lässt sich durch Gradheit, Offenheit und Liebe beseitigen.
Fjodor Michailowitsch Dostojewski
Was all diese Nein-Gründe verbindet
Die oben aufgeführten sieben Gründe wirken unterschiedlich, haben aber drei gemeinsame Nenner:
- Keiner dieser Gründe ist Charaktersache.
Niemand ist „kein Redner“. Sprechen ist keine Identität, sondern eine Fertigkeit. - Alle Gründe sind veränderbar.
Durch kleine Schritte, klare Strukturen und positive Erfahrungen entstehen massive Verbesserungen. - Ehrenamt profitiert doppelt von Kommunikation.
Sichtbarkeit schafft Vertrauen, erklärt Zusammenhänge und macht Engagement nachvollziehbar.
Wenn Ehrenamtliche öffentlich sprechen, entsteht eine Resonanz, die kein Flyer, keine Mail und kein Protokoll erzeugen kann: Menschen verstehen, warum Engagement zählt.
Ohne gemeinsamen Nenner geht die Rechnung nicht auf.
Fred Ammon
Praxistipps für den Einstieg
Damit Ehrenamtliche leichter „Ja“ sagen können, helfen fünf pragmatische Mittel:
- Mikro-Auftritte statt große Bühne
Kurze Anmoderationen, Dankesworte, Projektupdates. Dauer: 30–120 Sekunden. - Gesprächsformate statt Monologe
Mini-Interviews wirken niedrigschwelliger als Ansprachen und erzeugen Nähe. - Vorlagen statt weißes Blatt
3-Punkte-Struktur für jede Rede: Anlass – Kernbotschaft – Abschluss. - Briefing statt Überraschung
Publikum, Dauer, Anlass und Ziel müssen vorab klar sein. Sonst entsteht Blockade. - Lernkultur statt Erwartungsdruck
Wer häufiger spricht, bekommt Routine. Wer Routine bekommt, verliert Angst.
Das Schönste am Ja-Sagen ist die Tatsache, dass man auch nein sagen könnte.
Maximilian Hoffmann
Schlussgedanken
Wenn Ehrenamtliche Nein zu Reden sagen, heißt das selten „Ich will nicht“, sondern fast immer „Ich kann gerade nicht“ oder „Ich traue mir das noch nicht zu“. Dieses „Noch nicht“ ist entscheidend. Es öffnet Handlungsspielraum.
Organisationen, die ihre Mitglieder dabei unterstützen, sichtbar und sprachfähig zu werden, verändern nicht nur ihre Außenwirkung, sondern auch ihren internen Zusammenhalt. Denn wer reden kann, kann
- vertreten,
- erklären,
- werben,
- überzeugen und
- verändern.
Wer tiefer einsteigen möchte, findet hier praktische Hilfe in Werkzeugen, die genau an den genannten Stellen ansetzen: Lampenfieber reduzieren, Klarheit schaffen, kleine Redeanlässe trainieren, Vorlagen nutzen und Selbstvertrauen stärken.
Nein! Das schlägt nicht ins Portemonnaie. Hier geht’s zur kostenfreien Anmeldung.
Es ist nie zu spät „Ja“ zu sagen.
Charles Brück
Titelbild von Depositphotos.