Du musst nicht bereit sein, um vor Publikum zu sprechen!
Warum du im Ehrenamt manchmal JA sagen solltest, obwohl du noch Zweifel hast.
„Könntest du bei unserer nächsten Mitgliederversammlung ein paar Worte sagen?“
Eine einfache Frage. Eigentlich.
Doch für viele Ehrenamtliche beginnt genau in diesem Moment das Gedankenkarussell:
- „Ich? Vor all diesen Menschen?“
- „Was ist, wenn ich den Faden verliere?“
- „Vielleicht sollte das lieber jemand übernehmen, der mehr Erfahrung hat.“
Und schon liegt die Antwort auf der Zunge: „Nein, lieber nicht.“
Kennst du das?
Vielleicht hast du selbst schon einmal eine solche Gelegenheit ausgeschlagen. Nicht, weil dir das Thema unwichtig war. Nicht, weil du nichts zu sagen hattest.
Aber weil du dich einfach nicht bereit gefühlt hast.
Doch was bedeutet es eigentlich, BEREIT zu sein?
Musst du
- erst deine Nervosität überwinden?
- wissen, wie man eine perfekte Rede hält?
- noch mehr Erfahrung sammeln?
Ich glaube, wir haben häufig eine falsche Vorstellung davon, was es bedeutet, bereit zu sein.
Wir glauben, zuerst müsse die Sicherheit kommen. Und erst danach könnten wir handeln.
Dabei funktioniert es oft genau umgekehrt.
Sicherheit entsteht, wenn wir anfangen, Erfahrungen zu sammeln.
Drei Haltungen können dir dabei helfen.
Es geht oft so schwer zu sagen: ich bin bereit.
Peter Lippert
1. Sei bereit, JA zu sagen
„Nein“ schützt den Status quo. „Ja“ bringt ihn manchmal ins Wanken.
Wenn du eine Redeaufgabe ablehnst,
- musst du dich nicht vorbereiten,
- musst du nicht vor anderen Menschen stehen und
- du gehst kein Risiko ein, einen Fehler zu machen.
Das fühlt sich zunächst angenehm an.
Aber was passiert, wenn du immer wieder Nein sagst?
Du bleibst genau dort, wo du heute stehst.
Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten großen öffentlichen Auftritt im Jahr 1989.
Ich sollte auf einem Symposium vor Telekommunikationsingenieuren über digitale Vermittlungstechnik sprechen.
Fachlich kannte ich mein Thema. Ich hatte mich gründlich vorbereitet.
Aber als ich vor dem Publikum stand, war von meiner vermeintlichen Sicherheit nicht mehr viel übrig.
- Meine Hände zitterten.
- Mein Mund war trocken.
- Ich klammerte mich an mein Manuskript und
- vermied den Blickkontakt mit dem Publikum.
Ich war bereit, aber …
… wenn bereit sein bedeutet, souverän und ohne Lampenfieber aufzutreten, dann ganz bestimmt nicht.
Aber ich hatte die Aufgabe angenommen.
Und damit hatte ich einen entscheidenden Schritt gemacht.
Dieser Auftritt war alles andere als perfekt. Trotzdem wurde er zum Ausgangspunkt einer Entwicklung, die mich über Jahrzehnte begleitet hat.
Hätte ich darauf gewartet, mich vollkommen bereit zu fühlen, hätte ich vermutlich viele wertvolle Erfahrungen nie gemacht.
Natürlich bedeutet das nicht, dass du zu jeder Anfrage Ja sagen solltest.
Gerade im Ehrenamt, wo viele Menschen neben Beruf und Familie bereits große Verantwortung übernehmen, ist es wichtig, auch Nein sagen zu können.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen einem Nein aus guten Gründen und einem Nein aus Angst.
Wenn dich das nächste Mal jemand bittet, eine kurze Rede zu halten, dann frage dich:
- Lehne ich ab, weil mir wirklich die Zeit fehlt?
- Oder lehne ich ab, weil ich Angst habe, mich zu blamieren?
- Was könnte ich gewinnen, wenn ich es trotzdem versuche?
Vielleicht musst du nicht sofort zusagen.
Aber du könntest antworten: „Lass mich kurz darüber nachdenken.“
Manchmal beginnt Mut genau mit diesem kleinen Aufschub des automatischen Neins.
Bereit sein ist alles.
William Shakespeare
2. Sei bereit, dranzubleiben
Du hast Ja gesagt.
Herzlichen Glückwunsch!
Aber damit ist die Aufgabe noch nicht erledigt.
Jetzt beginnt die Vorbereitung.
Und plötzlich tauchen neue Zweifel auf.
„Wie soll ich anfangen?“
„Was muss ich alles sagen?“
„Reicht meine Vorbereitung überhaupt aus?“
Viele unerfahrene Redner glauben, sie müssten möglichst viel Wissen in ihre Rede packen, um kompetent zu wirken.
Sie:
- schreiben Seite um Seite
- ändern ihre Einleitung immer wieder
- suchen nach noch besseren Formulierungen.
Und irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem sie eigentlich üben sollten.
Doch stattdessen wird weiter am Manuskript gearbeitet.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung.
Willig beim Verlangen, aber nicht bereit zum Handeln.
Adrian Peivareh
Konzentrier dich auf das Wesentliche
Dabei habe ich im Laufe der Jahre etwas Wichtiges gelernt:
Eine Rede wird nicht dadurch besser, dass du immer mehr hineinpackst. Sondern dadurch, dass du dich auf das Wesentliche konzentrierst.
Wenn du zugesagt hast, ein Vereinsprojekt in fünf Minuten vorzustellen, musst du nicht die gesamte Geschichte des Vereins erzählen.
Überlege lieber:
- Was sollen die Zuhörer nach diesen fünf Minuten verstanden haben?
- Was sollen sie fühlen?
- Und was sollen sie vielleicht anschließend tun?
Konzentriere dich auf diese Botschaft.
Bereite einen verständlichen Einstieg vor, entwickle zwei oder drei wichtige Gedanken und finde einen passenden Abschluss.
Dann übe.
Nicht nur im Kopf. Sprich deine Rede laut aus.
Vielleicht
- vor dem Spiegel
- vor einem Familienmitglied
- auch einfach allein in einem ruhigen Zimmer.
Und wenn du beim Üben ins Stocken gerätst?
Dann fängst du noch einmal an.
Dranbleiben bedeutet nicht, alles perfekt zu machen. Es bedeutet, eine Aufgabe trotz kleiner Schwierigkeiten zu Ende zu bringen.
Denn dein Publikum erwartet in den meisten Fällen keinen professionellen Redner.
Es möchte einen Menschen erleben, der etwas zu sagen hat.
Und der sich die Mühe gemacht hat, seine Gedanken verständlich zu vermitteln.
Alles ist bereit – für die, die etwas tun wollen.
Pavel Kosorin
3. Sei bereit, zu lernen
Es gibt einen Satz, den ich besonders mag:
„Lernende kommen weiter als Wissende.“
Natürlich ist Wissen wichtig.
Aber wer glaubt, bereits alles zu können, hat wenig Anlass, sich weiterzuentwickeln.
Beim öffentlichen Reden ist das nicht anders.
Vielleicht hast du deine Rede gehalten und bist zufrieden.
Vielleicht hast du aber auch einen Gedanken vergessen, dich verhaspelt oder bemerkt, dass einige Zuhörer unaufmerksam wurden.
Was machst du jetzt?
Ärgerst du dich über deine Fehler?
Oder nutzt du die Erfahrung, um beim nächsten Mal etwas besser zu machen?
Ich habe in meinen vielen Jahren im Ehrenamt zahlreiche Reden gehalten. Und dabei auch viele Fehler gemacht.
Manche waren unangenehm. Andere sind mir erst hinterher bewusst geworden.
Aber gerade diese Erfahrungen haben mir geholfen, meine Auftritte Schritt für Schritt zu verbessern.
Eine wichtige Erkenntnis war für mich:
Nicht jeder Auftritt muss ein Erfolg sein. Aber jeder Auftritt kann eine Lernerfahrung werden.
Nur wer bereit ist, sich selbst zu korrigieren, liebt die Wahrheit.
Hubert Joost
Du brauchst keine komplizierte Analyse
Nimm dir nach deiner nächsten Rede fünf Minuten Zeit und beantworte drei Fragen:
- Was ist mir heute gut gelungen?
- Was hätte ich besser machen können?
- Was werde ich bei meiner nächsten Rede anders machen?
Schreibe dir die Antworten auf.
Vielleicht stellst du fest, dass dein Einstieg gut funktioniert hat, du aber zu schnell gesprochen hast.
Dann weißt du, worauf du beim nächsten Mal achten kannst.
Oder du bemerkst, dass du beim Blickkontakt schon viel sicherer geworden bist.
Auch das ist ein Fortschritt, den du anerkennen solltest.
Mit der Zeit wirst du feststellen, dass du nicht nur Erfahrungen sammelst.
Du entwickelst Vertrauen in deine eigenen Fähigkeiten.
Und genau darum geht es.
Viele wollen vollkommen sein, aber nur wenige sind bereit, sich zu bessern.
Bereit sein ist keine Voraussetzung. Es ist eine Haltung.
Vielleicht denkst du jetzt:
„Das klingt alles einleuchtend. Aber ich habe trotzdem Lampenfieber.“
Das verstehe ich gut.
Auch erfahrene Redner können nervös sein.
Lampenfieber verschwindet nicht automatisch, nur weil du schon einige Male vor Publikum gestanden hast.
Aber du kannst lernen, damit umzugehen.
Du kannst lernen, trotz Nervosität einen klaren Gedanken auszusprechen.
Du kannst lernen, nach einem Versprecher weiterzureden.
Und du kannst lernen, dass eine kurze Sprechpause kein Weltuntergang ist.
Vor allem kannst du lernen, dir selbst mehr zuzutrauen.
Dafür musst du nicht gleich die Festrede zum 100-jährigen Vereinsjubiläum übernehmen.
Beginne klein.
- Melde dich bei der nächsten Mitgliederversammlung zu Wort.
- Bedanke dich im Namen deines Vereins bei einem Unterstützer.
- Stelle ein Projekt in zwei Minuten vor.
- Oder übernimm die Begrüßung bei einer kleinen Veranstaltung.
Jede dieser Gelegenheiten bietet dir die Möglichkeit, ein Stück sicherer zu werden.
Und jede Erfahrung kann dir zeigen, dass du mehr kannst, als du vielleicht glaubst.
Die Zukunft gehört denen, die bereit sind, in der Gegenwart zu handeln!
Sebastian Esterle
Und wenn dich morgen jemand fragt?
Stell dir vor, bei der nächsten Vereinssitzung fragt dich jemand:
„Könntest du unser Projekt bei der kommenden Veranstaltung kurz vorstellen?“
Vielleicht spürst du wieder dieses unangenehme Kribbeln im Bauch.
Vielleicht meldet sich sofort die Stimme, die sagt: „Das kannst du doch gar nicht.“
Dann erinnere dich an diese drei Gedanken:
- Sei bereit, JA zu sagen.
Nicht zu allem. Aber zu Gelegenheiten, an denen du wachsen kannst.
- Sei bereit, dranzubleiben.
Bereite dich vor, konzentriere dich auf deine Botschaft und bringe deine Aufgabe zu Ende.
- Sei bereit, zu lernen.
Erwarte nicht, dass alles sofort gelingt. Nutze jede Erfahrung, um beim nächsten Mal einen Schritt weiterzukommen.
Vielleicht wirst du dich vor deiner nächsten Rede wieder nicht bereit fühlen.
Das ist kein Grund, automatisch Nein zu sagen.
Denn bereit sein bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Es bedeutet, sich trotz Unsicherheit etwas zuzutrauen.
Du musst nicht bereit sein, um anzufangen. Aber du musst anfangen, um bereit zu werden.
Hier noch ein Geschenk von mir, damit dein nächster Schritt zum Bereitsein sich leichter anfühlt.
Jetzt interessiert mich deine Erfahrung:
Hast du schon einmal eine Redeaufgabe angenommen, obwohl du dich überhaupt nicht bereit gefühlt hast?
Was hast du dabei über dich selbst gelernt?
Halte dich immer bereit. Es kann sein, du brauchst dich mal.
Joachim Panten
Titelbild von Depositphotos.