Warum andere Redner nicht dein Maßstab sein sollten

Warum andere Redner nicht dein Maßstab sein sollten

Du sitzt bei einer Veranstaltung deines Vereins im Publikum.

Vor dir spricht eine Person, die scheinbar alles richtig macht.

  • Sie spricht frei.
  • Sie wirkt locker.
  • Sie braucht kaum Notizen.
  • Die Menschen hören aufmerksam zu.
  • An der richtigen Stelle wird gelacht.

Und während du ihr zuhörst, passiert etwas.

Du konzentrierst dich plötzlich nicht mehr auf ihre Rede.

Du vergleichst.

„Warum kann ich das nicht?“

„Bei mir wirkt das nie so locker.“

„Ich brauche viel zu viele Notizen.“

Und besonders unangenehm wird es, wenn du weißt:

Nach ihr bin ich dran.

Plötzlich erscheint dir deine eigene Rede, die vor einer Stunde noch völlig in Ordnung war, gar nicht mehr so gut.

Kennst du das?

Dann bist du damit nicht allein.

Gesunder Menschenverstand ist der Maßstab des Möglichen.

Henri-Frédéric Amiel

Wir vergleichen ständig

Sich mit anderen Menschen zu vergleichen, ist zunächst nichts Ungewöhnliches.

Wir sehen, wie andere etwas machen, und ordnen uns selbst ein.

Das kann sogar hilfreich sein.

Du kannst einem guten Redner zuhören und feststellen:

Interessant, wie er seine Geschichte begonnen hat.

Oder:

Die Pause nach diesem Satz hat wirklich gewirkt.

Oder:

Mir gefällt, wie einfach sie komplizierte Dinge erklärt.

Dann lernst du durch Beobachtung.

Problematisch wird es an einer anderen Stelle.

Nämlich dann, wenn aus der Beobachtung eines anderen eine Bewertung deiner eigenen Fähigkeiten wird.

Aus:

„Sie spricht sehr souverän.“

wird:

„Ich bin kein guter Redner.“

Und das sind zwei völlig unterschiedliche Aussagen.

Alle Not kommt vom Vergleichen!

Søren Kierkegaard

Du siehst den Auftritt, aber nicht den Weg dorthin

Wenn wir uns mit anderen vergleichen, machen wir häufig einen entscheidenden Fehler:

Wir vergleichen nicht dieselben Voraussetzungen.

Vielleicht

  • hat der Redner, den du gerade bewunderst, schon hundertmal vor Publikum gesprochen
  • hält sie seit 15 Jahren regelmäßig Reden
  • hat sie ein Rhetoriktraining besucht
  • hat er genau diese Rede bereits mehrmals gehalten.

Du dagegen hältst vielleicht deine dritte Rede vor größerem Publikum.

Und trotzdem erwartest du von dir, genauso souverän aufzutreten.

Das ist ein ziemlich unfairer Vergleich.

Denn du vergleichst deinen aktuellen Lernstand mit dem Ergebnis jahrelanger Erfahrung eines anderen.

Noch etwas kommt hinzu:

Du siehst bei anderen nur das, was nach außen sichtbar ist.

Den fertigen Auftritt.

Was du nicht siehst, sind die misslungenen Reden davor.

Die vergessenen Sätze.

Die feuchten Hände.

Viele schlaflose Nacht vor einem wichtigen Auftritt.

Die Stunden der Vorbereitung.

Und vielleicht sogar die Nervosität, die dieser Mensch auch heute noch verspürt.

Du siehst die Bühne.

Nicht den Weg dorthin.

Wir vergleichen uns gern mit denen, denen wir gleichen möchten.

Peter Sirius

Was Vergleichen mit dir machen kann

Wenn du dich beim öffentlichen Reden ständig mit anderen vergleichst, kann das Folgen haben.

Du zweifelst stärker an deinen Fähigkeiten.

Statt zu sehen, was du bereits kannst, konzentrierst du dich darauf, was andere vermeintlich besser können.

Du setzt dir falsche Maßstäbe.

Ein Ehrenamtlicher, der dreimal im Jahr vor Publikum spricht, muss nicht auftreten wie ein professioneller Moderator, der dreimal in der Woche auf einer Bühne steht.

Du versuchst, andere zu kopieren.

Der eine erzählt viele Geschichten. Die andere bringt ihr Publikum zum Lachen. Ein Dritter beeindruckt durch seine enorme Präsenz.

Also versuchst du, genauso zu sprechen.

Dabei geht möglicherweise genau das verloren, was dich glaubwürdig macht:

deine eigene Art.

Deine Nervosität steigt.

Wenn dein Gedanke vor einer Rede lautet:

„Hoffentlich bin ich genauso gut wie meine Vorrednerin“,

hast du dir eine zusätzliche Aufgabe geschaffen.

Jetzt musst du nicht nur deine Botschaft vermitteln.

Du musst gleichzeitig einen Wettbewerb gewinnen, den außer dir vermutlich niemand ausgerufen hat.

Du übersiehst deine Fortschritte.

Vielleicht

  • hast du diesmal weniger abgelesen
  • hast du dein Publikum häufiger angesehen
  • ist dir dein Einstieg richtig gut gelungen
  • konntest du nach einem kurzen Hänger einfach weitersprechen

Das alles sind Fortschritte.

Du bemerkst sie aber kaum, wenn du nur darauf schaust, was jemand anderes noch besser macht.

Bei Vergleichen, die hinken, gehen die Argumente am Stock.

Gerhard Uhlenbruck

„Was werden die anderen über mich denken?“

Hinter dem Vergleichen steckt häufig noch eine zweite Sorge:

Was denken die anderen über mich?

  • War ich gut genug?
  • Habe ich mich versprochen?
  • Hat jemand meine Nervosität bemerkt?
  • War mein Vorredner besser?

Ich glaube nicht, dass es hilft, sich einfach zu sagen:

„Es ist mir egal, was andere über mich denken.“

Denn meistens ist es uns eben nicht egal.

Gerade wenn wir für unseren Verein sprechen, möchten wir einen guten Eindruck hinterlassen.

  • Wir möchten kompetent wirken.
  • Wir möchten unserer Aufgabe gerecht werden.
  • Und natürlich möchten wir nicht negativ beurteilt werden.

Entscheidend ist deshalb etwas anderes:

Du kannst nicht verhindern, dass andere dich beurteilen. Aber du kannst verhindern, dass ihre mögliche Beurteilung deinen Auftritt bestimmt.

Denn in dem Moment, in dem du ständig darüber nachdenkst, wie du wirkst, passiert etwas Merkwürdiges:

Deine Aufmerksamkeit wandert weg vom Publikum.

Dabei stehst du doch nicht vorne, damit die Menschen anschließend denken:

„Was für ein fantastischer Redner!“

Du möchtest etwas vermitteln.

  • Vielleicht möchtest du zeigen, warum ein Projekt Unterstützung verdient.
  • Du möchtest neue Mitglieder gewinnen.
  • Du möchtest Menschen für eine Idee begeistern.
  • Oder du möchtest einfach verständlich erklären, was dein Verein im vergangenen Jahr geleistet hat.

Das ist deine Aufgabe.

Nicht der Vergleich mit dem Menschen, der vor dir gesprochen hat.

Sobald zwei glückliche Menschen ihr Glück vergleichen, wird einer unglücklich.

Helmut Glaßl

Wie kommst du aus der Vergleichsfalle?

Wahrscheinlich wirst du nie vollständig aufhören, dich mit anderen zu vergleichen.

Das musst du auch nicht.

Du kannst aber lernen, anders zu vergleichen.

1. Vergleiche nicht Personen, sondern Wissensstände

Wenn jemand deutlich souveräner spricht als du, frage dich:

Wie viel Erfahrung hat diese Person?

Vielleicht vergleichst du gerade deinen fünften Auftritt mit dem hundertsten eines anderen.

Das relativiert einiges.

2. Beobachte, ohne dich abzuwerten

Andere Redner können hervorragende Lernquellen sein.

Wenn dir etwas gefällt, frage nicht:

„Warum kann ich das nicht?“

Frage lieber:

„Was genau gefällt mir daran und was könnte ich davon einmal ausprobieren?“

Damit wird aus Konkurrenz Neugier.

3. Vergleiche dich öfter mit deinem früheren Ich

Nach deiner nächsten Rede könntest du dir drei einfache Fragen stellen:

  • Was ist mir diesmal besser gelungen?
  • Wo habe ich mich sicherer gefühlt?
  • Was möchte ich beim nächsten Mal ausprobieren?

Vielleicht sind die Fortschritte klein.

Aber viele kleine Fortschritte ergeben irgendwann etwas, das wir gern „Routine“ nennen.

4. Definiere deinen eigenen Maßstab

Du musst nicht sprechen wie andere.

Vielleicht

  • bist du nicht der Entertainer
  • erzählst du keine Witze
  • läufst du nicht ständig über die Bühne.

Na und?

Vielleicht

  • liegt deine Stärke darin, ruhig zu erklären
  • wirkst du besonders glaubwürdig
  • kannst du komplizierte Sachverhalte verständlich machen
  • spürt dein Publikum, dass dir dein Thema wirklich wichtig ist.

Souverän auftreten bedeutet nicht, einem bestimmten Rednerbild zu entsprechen.

Es bedeutet, deine Botschaft auf deine Art überzeugend zu vermitteln.

5. Sammle Beweise für deinen Fortschritt

Nach einem Auftritt erinnern wir uns erstaunlich gern an das, was nicht funktioniert hat.

  • Den Satz, bei dem wir gestolpert sind.
  • Die Zahl, die uns plötzlich nicht mehr einfiel.
  • Den Moment, in dem wir auf unsere Notizen schauen mussten.

Mach es einmal anders.

Notiere nach deiner nächsten Rede drei Dinge, die funktioniert haben.

Vielleicht:

  • Der Einstieg saß.
  • Ich hatte mehr Blickkontakt.
  • Nach meinem Hänger habe ich ruhig weitergesprochen.

So entsteht mit der Zeit ein realistisches Bild deiner Entwicklung.

6. Richte deinen Blick wieder auf dein Publikum

Wenn du merkst, dass du dich vor einem Auftritt mit anderen vergleichst, stelle dir drei andere Fragen:

  • Was sollen die Menschen verstehen?
  • Welches Gefühl sollen sie nach meiner Rede haben?
  • Was sollen sie anschließend tun?

Damit verlässt du gedanklich den Wettbewerb mit anderen Rednern.

Und kehrst zu dem zurück, worum es beim öffentlichen Reden eigentlich geht:

zu deinem Publikum und deiner Botschaft.

Wenn jeder und alles gleich wären, dann gäbe es nichts zu vergleichen.

Holger Furmanek

Es gibt einen Vergleich, der dir wirklich hilft

Wenn du das nächste Mal eine(n) hervorragende(n) Redner(in) erlebst, darfst du ihn/sie ruhig bewundern.

Schau genau hin.

Hör zu.

Lerne von der Person.

Aber mach sie nicht automatisch zu deinem Maßstab.

Du kennst ihren Weg nicht.

Du kennst ihre Erfahrung nicht.

Und vor allem:

Du musst nicht so sprechen wie sie.

Wenn du dich unbedingt vergleichen möchtest, dann vergleiche dich mit jemandem, den du sehr gut kennst:

mit dir selbst.

Wie hast du vor einem Jahr gesprochen?

Wie nervös warst du damals?

Was fällt dir heute leichter?

Wie viel hast du abgelesen?

Was traust du dich heute, was du damals noch vermieden hast?

Vielleicht wirst du dabei feststellen, dass du längst weitergekommen bist, als du dachtest.

Der Redner neben dir muss nicht dein Maßstab sein.

Dein Maßstab kann der Redner sein, der du gestern noch warst.

Man findet sein eigenes Leben gleich viel schöner, wenn man aufhört, es mit dem Leben der Leute von nebenan zu vergleichen.

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Titelbild von Depositphotos.

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