Ein Rezept für souveräne Reden

Ein Rezept für souveräne Reden

Meine beiden Söhne betreiben mit einer Freundin ein Café-Restaurant. Es ist also normal, dass es mich regelmäßig dorthin zieht. Zum einen, um sich ein wenig untereinander auszutauschen, zum anderen wegen des guten Essens. Für Letzteres ist die Köchin Isabelle zuständig.

Ich erfreue mich jedes Mal daran, mich mit ihr auszutauschen, – wenn die Zeit es erlaubt. Neulich habe ich sie gefragt, ob sie ihre Mahlzeiten einfach so aus dem Arm schüttelt, wie ich das von meiner Mutter her kannte oder ob sie mit Rezepten arbeite?

Kochen ist eine Kunst und eine gar edele

Henriette Davidis

Daraufhin ergoss sich ein sehr lehrreicher Redefluss über mich. „Natürlich arbeite ich mit Rezepten. Wir haben über 30 verschiedene Gerichte auf der Tafel. Jede Woche wechsele ich vier davon aus.

Menüs die nach Rezept gefertigt werden
Tafel, auf der die angebotenen Menüs zu finden sind, die nach Rezept gefertigt werden

Wenn ich das alles ohne Rezepte anrichte, würden die Kunden unzufrieden und ich als Köchin würde schnell einen schlechten Ruf bekommen.

Es braucht für alles ein Rezept. Das ist eine Abfolge von Schritten, von benötigten Zutaten und Mengen, von klar festgelegten Zeiten und wie diese in welcher Reihenfolge verarbeitet werden, um zum Schluss den Gästen ein Geschmackserlebnis zu servieren.

Übrigens, Rezepte sind nicht nur in einer guten Küche wichtig. Du kannst das auch mit Checklisten vergleichen.

Flugzeugpiloten nutzen sie, um daran zu denken, das Fahrwerk auszufahren. Chirurgen verwenden Checklisten, die von Assistenten laut vorgelesen werden, um das Händewaschen oder das Aufsetzen der Maske nicht zu vergessen.

Und du kannst nicht behaupten, dass diese Leute Idioten sind! Also warum in aller Welt verwenden sie Checklisten?

Je mehr wir uns merken müssen, desto mehr vergessen wir

Ob Chirurg, Pilot oder Koch, alle haben eine Menge zu tun und viel zu beachten. Je mehr ein Kopf überlastet wird, desto weniger effizient ist er.

Je mehr wir uns merken müssen, desto mehr vergessen wir.

Warte, dieser Satz ist so wichtig, dass ich ihn wiederhole:

Je mehr wir uns merken müssen, desto mehr vergessen wir.

Bei all diesen Dingen, die zu beachten sind, gibt es einige kritische und wenn sie nicht erledigt werden, wird das Gesamtergebnis beeinträchtigt – aller meistens negativ.“

Wow, dachte ich, Isabelle beherrscht ihren Job aus dem Effeff! Dieser Wortschwall blieb mir im Kopf. Unterwegs nach Hause dachte ich über Isabelles Sätze nach. Dabei erinnerte ich mich daran, dass ich ja auch auf Rezepte oder besser gesagt Checklisten zurückgreife.

Wer einen guten Braten macht, hat auch ein gutes Herz

Wilhelm Busch

Mein Rezept für meine E-Mails

Vor Jahren habe ich mir selbst mein eigenes Rezept für das Versenden von E-Mails aufgestellt. Vorher passierten mir regelmäßig Abläufe wie dieser:

  • E-Mail erstellt,
  • Rechtschreibung verbessert,
  • Text überlesen, einmal, zweimal…
  • E-Mail versendet.

Kaum war die E-Mail fort, dachte ich: „Verdammt der Anhang!“

Du kennst das vielleicht auch. Das berühmte fehlende Dokument, das uns wie einen Trottel aussehen lässt.

Gleich darauf schickte ich eine zweite E-Mail mit „Entschuldigung, hier ist der Anhang“ (der dann nicht der richtige war … OK, ich höre hier auf).

Mittlerweile mache ich es wie Isabelle. Ich habe mir meine Rezepte oder Checklisten für viele Alltagsarbeiten aufgestellt und benutze sie auch.

Wenn ich dann doch einmal einen Fehler mache, peitsche ich mich nicht aus dafür. Ich sage mir dann „OK, ich sorge dafür, dass ich diesen Patzer nicht noch einmal begehe.“

Dann nehme ich mir meine Checkliste hervor und korrigiere sie.

Ich benutze Checklisten, um

  • meine E-Mails zu versenden
  • meine Blogartikel zu schreiben
  • meine Social-Media Posts auszuarbeiten
  • meine Steuererklärung fertig zu stellen
  • meinen Urlaub von Anfang an zu genießen …

Bei der Zusammenstellung meines neuen Onlinekurses „Masterclass: Wie du als Ehrenamtlicher souverän vor Publikum redest“, stellte ich fest, dass der Aufbau genauso wie die Präsentation einer Rede viele Parallelen zu Isabelles Beruf als Koch hat.

Angefangen bei der Dreigliederung eines guten Essens, oder auch einer guten Rede:

Eine Mahlzeit besteht aus:

  1. Vorspeise                                                         
  2. Hauptspeise                                                   
  3. Nachtisch                                                          

Eine Rede setzt sich zusammen aus:

  1. Redeeröffnung
  2. Hauptteil
  3. Redeabschluss

Das ist eine Gleichartigkeit, die sofort einleuchtet. Um die Parallelen zwischen Kochen und Reden aber darauf einzuschränken, wäre nicht angebracht. Es gehört viel mehr dazu, was da noch im Hintergrund alles abläuft.

Manche Freunde sind wie ein gutes Essen: Sie reizen die Zunge und wärmen den Bauch…

Björn Alhäuser

Lass uns einmal hinter die Kulissen schauen.

Plane deine Rede nach Rezept

Die Planung deiner Rede könnte so aussehen: Du beginnst damit, alle wichtigen Punkte aufzuschreiben, die du zusammen mit allen Argumenten zur Untermauerung deines Themas vorbringen möchtest. Daraus wird nicht immer eine denkwürdige Rede.

Das wäre vergleichbar mit dem Öffnen des Kühlschranks und dem anschließenden Kippen von allem, was du darin findest, in einen Kochtopf. Das führt mit Sicherheit nicht zu einer köstlichen Mahlzeit.

Es erfordert etwas mehr Vorbereitung, um eine wirklich gute Rede zu schreiben und sie nachher vorzutragen. Hier ist mein Rezept für eine Rede oder Präsentation, die Standing Ovations verdient:

Plane deine Präsentation genauso wie Isabelle ein Sonntagsgericht

Je nach Restaurant hat der Koch die Wahl, was seine Ausgangsbasis sein soll. Das kann Fleisch, Fisch, Pasta oder bei vegetarischer Küche ein Getreide sein. Er hat sein Rezept, das aussagt, wie das Gericht zubereitet wird, welche Beilagen benötigt werden, wie lange die Zubereitung dauert, wie der Teller angerichtet wird, damit es seiner Fantasie entspricht und die Augen des Gastes verzückt.

Die Redevorbereitung sieht ähnlich aus. Du wählst dein Thema sorgfältig aus. Du musst eine klare und bedeutende Vorgabe haben. Eine schwache Voraussetzung führt zu einer schwachen Rede.

Du denkst an das Ziel, die Message, die du mit deiner Präsentation erreichen möchtest. Das, was dein Publikum behalten soll. Anschließend suchst du dir beispielsweise drei Hauptpunkte aus, die dieses Ziel am besten verwirklichen.

Niemand plant zu versagen, aber die meisten versagen beim Planen

Bereite dein Material vor

Wenn ein italienischer Spitzenkoch eine Zabaione nach Rezept zubereitet und er nach dem Marsala, dem italienischen süßen Dessertwein greift, muss die Flasche an ihrem Platz stehen. Ein Koch verfügt nicht nur über alle Zutaten in der Küche, die er braucht, sondern die Zutaten sind „mise en place“. Alles ist vorbereitet und an Ort und Stelle.

Nachdem du deine Rede ausgearbeitet hast, bereitest du die Materialien vor. Es ist wichtig, alle Unterlagen und Anschauungsdokumente, die du benötigst, zusammenzustellen und im Voraus damit zu üben. Du musst wissen, wie du mit Powerpoint umgehst. Dazu gehört auch, einen Beamer richtig anzuschließen, die Handhabung der Fernsteuerung und andere wichtige Details.

Pass die Zeit den Bedürfnissen an, wie es im Rezept steht

Bei Drei-Gänge-Menüs musst du als Koch die zeitliche Abfolge der einzelnen Speisen kennen. Er kocht ja nicht für einen Tisch allein. Es geht darum, dass an jedem Tisch zwischen den einzelnen Gängen eine Pause eingelegt werden kann. Die soll nicht ins Endlose führen. Du verstehst, was ich meine.

Kommen wir zurück zur Rede. Auch hier spielt die Zeit eine wichtige Rolle. Da ist zum einen die Vorbereitungszeit. Hier hängt es davon ab, ob du einen Vortrag oder eine Präsentation hältst, die du regelmäßig vorträgst oder ob es diesmal etwas Besonderes ist. Unter Letzterem verstehe ich eine 90-Minuten-Rede über ein spezielles Thema.

Bei anderen Auftritten ist die Zeitvorgabe vielleicht nur 10 Minuten. Dann gibt es Auftritte, wo keine Zeitvorgaben festgelegt wurden. Hier liegt es an dir, die richtige Dauer zu finden. Stelle dein Ego zurück und denke an dein Publikum, also alles in Maßen.

Einen guten Redner erkennt man auch daran, dass er die zur Verfügung gestellte Vortragsdauer einhält. Die Zuschauer reservieren sich ihre kostbare Zeit, um an deinem Vortrag teilzunehmen. Respektiere das, indem du deinen Zeitrahmen einhältst.

Genauso wie Isabelle nicht erst in der Küche auftaucht, wenn das Restaurant öffnet, solltest du eine Stunde vor deinem Auftritt vor Ort sein. Das ermöglicht es dir, die Technik zu checken, dich auf der Bühne umzusehen und mit dem Organisator einen Small Talk zu führen. Alles das bringt mit sich, dass sich dein Stresspegel verringert.

Wer den Braten frühzeitig riecht, kann den Spieß noch umdrehen

Ernst Ferstl

Üben wie ein Profi

Ein Bild, was sich mir von meiner Großmutter eingeprägt hat, ist das Schmecken während des Kochens. Als guter Redner solltest du ähnlich vorgehen. Übe während deines Vorbereitungsprozesses.

Nachdem du dein Konzept stehen hast, halte deine Rede für dich. Zeichne es auf deinem Smartphone auf. Schau dir das Resultat an und verändere, pass an, optimiere. Das gleiche gilt später für deine Powerpoint-Folien.

Gute Köche wissen, wie wichtig das Abschmecken beim Kochen ist. Sie tun das regelmäßig während der Zubereitung von Gerichten. Wenn Aromen fehlen, werden Zutaten beigegeben, um auszugleichen. Nach einer bestimmten Zeit wird wieder abgeschmeckt.

Es sind oft kleine Zutaten, die den Unterschied ausmachen. Die stehen nicht im Rezept. Hier übernimmt die Kreativität des Kochs. Eine Prise von dem Gewürz, einen Spritzer aus der Flasche oder einen Schuss Sahne wird hinzugefügt. Bei innovativen Köchen kann das zu Geschmacksexplosionen im Mund führen.

Übe, übe, übe. Das ist für leidenschaftliche Redner auf allen Ebenen unerlässlich. Hier eine Prise angepasstes Zitat, dort eine Messerspitze ungewöhnliche Statistik oder ein Teelöffel voll bewegender Geschichten. Erstelle einen großartigen Vortrag und dann verschönere, verschönere, verschönere.

Ein guter Koch muss kosten.

Werte sind wichtig

Bei einer Mahlzeit sind es die Gemüse, Gewürze und feinen Kräuter als Zutaten, die das Fleisch oder den Fisch geschmacklich tragen. Sie machen den besonderen Wert aus, der vom Koch in seiner Einzigartigkeit erschaffen wurde.

Ob Honig mit Thymian auf den Mairübchen, Rosmarin und Meersalz auf den Braten oder Rotwein und einige Wacholderbeeren in der Soße. Jeder gute Koch weiß, dass er diesen Hauch von etwas Besonderem hinzufügt, der die Gäste genießen lässt.

Denk bei der Vorbereitung deiner Rede über deine eigenen Werte und die deines Publikums nach. Wenn du deinen Zuschauern deine Kernwerte in verständlichen Worten klar machst, werden sie sich auf deine Botschaft einlassen. Du wirst feststellen, dass das Publikum dich besser verstehen wird.  

Ein Rezept hat keine Seele. Du als Koch musst die Seele in das Rezept stecken

Thomas Keller

Zusatz zum Rezept

Isabelle weint nicht über verschüttete Sahne. Jeder macht Fehler. In der Küche sowohl als auf der Bühne.

Wenn du also bei deiner Präsentation einen Fehler machst, sag es nicht deinem Publikum. Eine vergessene Passage, ein falsche Folie oder sonst ein Patzer, lass das nicht an dich heran. Stell einfach sicher, dass du daraus lernst. Die verschüttete Sahne wischst du auf und beim nächsten Mal wirst du konzentrierter arbeiten, um dich in deinem besten Licht zu präsentieren.

Wenn ein Architekt einen Fehler macht, lässt er Efeu darüber wachsen. Wenn ein Arzt einen Fehler macht, lässt er Erde darauf schütten. Und wenn ein Koch einen Fehler macht, gießt er ein wenig Sauce darüber und sagt, dies sei ein neues Rezept.

Paul Bocuse

An sich hast du nach dem Essen als Gast keinen Einblick in die Küche. Du siehst nicht die Stapel von Töpfen, Schüsseln, Tellern, Geschirr, Essensabfälle usw. Hier steht dann noch einmal viel Arbeit an. Die Küche muss wieder auf Vordermann gebracht werden. Nach dem Saubermachen, das Einräumen, das Auffüllen und bereits erste Vorbereitungen sind zu tätigen.

Eine ähnliche Prozedur solltest du auch nach deiner Rede ablaufen lassen. Stell dir die wichtigen Fragen. Was hat geklappt, was nicht? Habe ich den Zeitplan eingehalten? Wie kamen meine Fotos und Videos beim Publikum an? Gab es Probleme mit der Technik?

Gehe hin und liste dir alle Punkte auf, die du fürs nächste Mal verbessern, hinzufügen, streichen, ändern solltest.  

Und ein weiterer Tipp. Wenn du einmal gefragt wirst, kurzfristig eine Rede zu halten, dann such dir ein Thema aus, was du kennst. Was du beherrschst.

Wenn es schnell gehen muss, bereitet ein guter Koch eine hervorragende Mahlzeit zu. Da geht er nicht auf die Suche nach einem komplizierten Rezept. Er beruft sich auf die Mahlzeit, die er aus dem Stegreif herrichten kann.

Diese Technik solltest du auch anwenden. Für welches Thema schlägt dein Herz? Für welche Sache brennst du? Lebe deine Leidenschaft in einer ergreifenden Rede. Dein Publikum wird sich für dich begeistern und dir dafür danken.

Gute Köche sind auch Weltverbesserer

Brigitte Fuchs

Als Abschluss einen Digestif

Wenn du eine Rede, eine Präsentation oder eine Ansprache planst, behandele sie wie ein gutes Essen. Stell sicher, dass du gutes Fleisch, guten Fisch oder alternatives Protein, viel Gemüse und etwas, das es nur ein bisschen interessanter macht, hast, damit es sich von allen anderen Angeboten abhebt.

Denke vor allem daran, dass das beste Rezept das ist, das deine persönliche Note wiedergibt. Egal, welches Thema oder Präsentationsformat du ausgewählt hast, mache es dir zu eigen und sei du selbst. Wenn du das vermittelst, werden deine Zuhörer es mit Augen und Ohren verschlingen.

Am Ende möchtest du deinem Publikum das Gefühl geben, Teil von etwas Spektakulärem zu sein.

Am 17. August biete ich ein Gratis-Live-Webinar zum Thema „Wie du als Ehrenamtlicher souverän vor Publikum redest“ an. Wenn du Interesse daran hast, kannst dich über diesen Link kostenfrei einschreiben. Weitere Informationen werde ich dir dann zusenden.

Das beste Tischgespräch ist das Schweigen schwelgender Gäste

Photo by Vitor Monthay on Unsplash  

2 Gedanken zu „Ein Rezept für souveräne Reden

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