Meine erste Redeerfahrung vor Publikum

Meine erste Redeerfahrung vor Publikum

Auf meinen Blogartikel „18 Anfängerfehler, die deine Rede ruinieren“, erhielt ich mehrere positive Rückmeldungen, die mich erfreuten. Eine Nachricht von einem Ehrenamtlichen, den ich von früher kannte, aber war der Auslöser für diesen Blogartikel. Sein Kommentar lautete: „Du hast gut reden über Reden. Du redest ja bereits seit einer halben Ewigkeit“. Diese Aussage brachte mich zum Nachdenken. Dabei landete ich ganz schnell bei meiner ersten Redeerfahrung vor Publikum.

Sie lässt sich sehr gut mit folgendem Sprichwort umschreiben: „Aller Anfang ist schwer, sprach der Dieb und stahl zuerst einen Amboss“.

Rückblickend kann ich behaupten, mit öffentlichem Reden habe ich ganz unten angefangen, auch wenn ich damals ganz oben auf der Bühne stand.

Aller Dinge Anfang ist klein.

Marcus Tullius Cicero

Ich erinnere mich noch sehr gut, wann ich meine erste Redeerfahrung machte. Es war im Oktober 1989. Der Verein der luxemburgischen Post- und Telekommunikationsingenieure organisierte im Rahmen der Messe „Bureautec“ ihr erstes Symposium. Der Titel lautete: „Die Digitalisierung der Telekommunikation in Luxemburg“. Als Mitglied des Vereins fiel die Wahl auch auf mich, einen Vortrag zum Thema „Digitale Vermittlungstechnik“ zu halten.

Symposium Bureautec
Titelbild des Fachbandes vom Symposium

Meine erste Redeerfahrung und das bei einem Symposium

Der Verein wollte von dieser Gelegenheit profitieren, um den Bekanntheitsgrad zu erhöhen und gleichfalls das Ansehen unseres Berufs und die Attraktivität unseres Berufsstandes zu fördern. 

Um meine erste Redeerfahrung in Angriff zu nehmen hatte ich mich gut vorbereitet. Ich war guten Mutes im Hinblick auf diesen öffentlichen Auftritt als Ehrenamtlicher vor einer für meine Begriffe großen Kulisse. Ich hatte bereits Schulungen abgehalten, aber das hier war dann doch eine andere Liga.

Mein Sitzplatz war ganz rechts außen in der zweiten Reihe. Als es an mir war, erhob ich mich, ging auf das Podium zu, stieg die drei Stufen hoch und schritt zum Rednerpult auf der anderen Seite der Bühne. Ich legte mein Manuskript auf das Pult und schaute auf die Zuschauer hinab. Was dann passierte, blieb mir als dauerhafte Erinnerung im Gehirn gespeichert.

Meine Knie fühlten sich auf einmal an wie Marshmallows. Die Beine begannen zu schlottern. Meine Hände zitterten. Ich hörte meinen Herzschlag mit doppelter Geschwindigkeit wie normal in meinen Ohren hämmern. Was bei mir aber einen bleibenden Eindruck hinterließ, war das Phänomen in meinem Mund. Ich konnte es mir nicht erklären. Innerhalb von ein paar Sekunden war er völlig ausgetrocknet. Du kennst vielleicht das Gefühl, wenn du deine Zunge an den Gaumen legst und sie schwer wieder lösen kannst. So als würde sie dran kleben.

Aufgeregte Gemüter zittern vor Hoffnung und Furcht

Ovid

So hatte ich mir meine erste Redeerfahrung nicht vorgestellt

´So bekommst du kein Wort heraus´ dachte ich bei mir. So hatte ich mir meine erste Redeerfahrung nicht in meinen schlimmsten Träumen vorgestellt. Meine bebende Hand griff zu einem bereitgestellten Glas Wasser. Das Glück war auf meiner Seite, denn das Glas war nur halb voll. Andernfalls hätte ich die Hälfte verschüttet.

Was diese körperlichen Reaktionen bei mir auslöste, konnte ich in dem Moment nicht nachvollziehen. Das wurde mir erst später bewusst.

Mir war bereits im Vorfeld klar, dass der Saal proppenvoll sei. 150 Leute. Davon ungefähr 90 Telekommunikationsingenieure, also Arbeitskollegen. Zusätzlich ein gutes Dutzend Prominente wie der Minister für Telekommunikation, einige Abgeordnete, Ehrengäste und auch die nationale Presse. Die restlichen 50 Leute waren Unternehmer von Telekommunikationsbetrieben aus ganz Luxemburg.

Einen großen Teil dieser Unternehmer kannte ich bedingt durch meinen Job. Manche gut, andere eher flüchtig. Das waren die Leute, die ich bewunderte für ihr Können, ihr Wissen, ihre Position. Ich schaute zu denen hoch.

Und jetzt stand ich oben auf der Bühne. Ich blickte ins Publikum, das da unter mir saß. Es waren genau diese Unternehmer, die Crème de la Crème der Telekombranche. Und alle schauten zu mir hoch. Eine für mich komplett ungewohnte Perspektive.

Es war mir unmöglich zu sprechen und gleichzeitig Blickkontakt mit den Zuschauern zu halten. Meine Konzentration auf das, was ich sagen wollte, war einfach weg. Ich versuchte mich zu erinnern, aber ich war leer. Diese paar Sekunden schienen mir eine Ewigkeit zu dauern.

Ich nahm meine Rede, wo ich im Vorhinein der Meinung war, dass ich sie nicht bräuchte, schaute aufs Blatt, schluckte, räusperte mich und begann meinen Vortrag abzulesen.

Bühne, Bretter, die die innere Welt verändern.

Manfred Hinrich

So etwas will ich nicht mehr erleben!

Am Ende der ersten Seite riskierte ich abermals einen Blick in den Saal. Mit dem gleichen Resultat. Flaues Gefühl im Magen, Zittern und komplette Unkonzentriertheit.

Zum Schluss der zweiten Seite war mir das Ablesen dann doch zu unangebracht. Ich erhob meinen Blick und schaute hinten in den Saal an die Wand. Das hatte den Vorteil, dass ich frei redete und dem Publikum im hinteren Teil des Saales den Anschein vermittelte, Augenkontakt zu halten. Aber an sich kam ich mir vor wie der Overhead-Apparat neben mir. (Für die jüngeren Leser, das war ein Projektor, mit dem man Folien auf eine Leinwand werfen konnte.)

Zur Erinnerung, 1989 gab es noch keine PCs, keine Beamer, kein Powerpoint. Zu der Zeit hatte Bill Gates in Amerika seine fensterlose Garage seit kurzer Zeit verlassen und tüftelte an Rechnern und suchte nach Windows.

Der Name Overhead sagt sehr gut aus, welche Funktion das Gerät erfüllt. Es projiziert Informationen über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Genauso kam ich mir in diesem Moment auch vor.

Lange Rede, kurzer Sinn. Ich kämpfte mich durch, erreichte das Ende meines Vortrags, bekam Applaus, ging zurück auf meinen Platz und schwor mir: so etwas will ich nicht mehr erleben! Für mich war meine Redeerfahrung einfach nur beschämend. Es war ein Wendepunkt in meinem Leben. Ich wollte ein besserer Redner werden.

Neben mir saß mein direkter Vorgesetzter. Ich flüsterte ihm zu, dass ich meinen Auftritt einfach nur peinlich fand. Er erwiderte mir leise: „Ich hatte es mir vorweg schlimmer vorgestellt“. 

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Hermann Hesse

Dieses positive Feedback überraschte mich

Spät in der Nacht schwirrten mir neben meiner Aufführung seine Worte noch im Kopf herum. Ich fragte mich, was wollte er damit ausdrücken?

Mein erster Gang am darauffolgenden Morgen war in sein Büro. Ich erklärte ihm, dass seine Aussage nach meinem gestrigen Vortrag mir noch immer im Kopf herumschwirrte. Ich fragte ihn, was er genau damit meinte.

Er erklärte mir, dass er viele gute Ansätze bei meinem Auftritt erkannte. Ich dachte, ich hätte ihn nicht richtig verstanden. Daraufhin fragte ich ihn nach Beispielen. „Da war erst einmal deine Vorbereitung. Als du auf die Bühne in Richtung Rednerpult gingst, strahlte deine Körperhaltung eine große Selbstsicherheit aus. Das erreicht man nur, wenn man überzeugt ist, dass man sich gut vorbereitet hat.

Ein weiterer positiver Aspekt war, du hast nicht versucht, deine Gefühle zu verstecken. Der ganze Saal erkannte deine Nervosität an deinem Gesichtsausdruck und deiner Haltung hinter dem Rednerpult. Du hast das zugelassen. Kein aufgesetztes Lächeln, keine unkontrollierte Handlung, keine banale Entschuldigung. Damit hast du ungewollt die ganze Aufmerksamkeit des Publikums auf dich gelenkt. Das erreichen sogar professionelle Redner nicht immer.

Am Anfang des Vortrags konnte man deine Unsicherheit sehr deutlich erkennen. Zu Beginn war es dir unmöglich, Blickkontakt mit dem Publikum aufzunehmen. Das brauchte ein wenig Zeit. Aber es stellte sich ein. Genauso wie deine Gelassenheit, dein natürlicher Humor und dein Vertrauen in dich.

Was dich zusätzlich auszeichnete, war deine Genauigkeit. Du hast ganz präzis deine 25 Minuten Redezeit ausgefüllt. Andere Redner haben teilweise stark überzogen.“

Ich bedankte mich für diese positiven Aussagen und fragte ihn, welche Möglichkeiten ich nutzen könnte, um meine Redeerfahrungen vor Publikum zu verbessern. Daraufhin erstellte er mir eine Liste mit Büchern zum Thema.

Es gibt Dinge, worin die Mittelmäßigkeit unerträglich ist: Dichtkunst, Tonkunst, Malerei und öffentliche Reden

Jean de La Bruyière

Ich entwickelte mein öffentliches Reden

Ab dem Tag, dem 25. Oktober 1989, startete ich meine Weiterbildung in Sachen öffentliches Reden. Ich saugte neues Wissen aus Stapeln von Büchern auf. Meine Besuche auf Konferenzen, Kongressen oder Tagungen waren nicht unbedingt dem Thema gewidmet. Es ging mir ausschließlich darum, die Redner zu beobachten, aus deren Präsentationen genauso wie aus ihren Fehlern klüger zu werden und dadurch neue Verhalten, Abläufe und Techniken zu erlernen.

Was sich aber all die Jahre über für mich als am wichtigsten herausstellte, um meine Redeerfahrung zu fördern, waren ganz klar die eigenen Auftritte. Ja, das fühlte sich anfangs sehr unbequem an. Es erforderte meinerseits sehr viel Überwindungskraft. Diese Herausforderungen anzugehen, brachte mir aber immer wieder den nötigen Elan, um meine Komfortzone zu verlassen, mich selbst zu prüfen und meine Kenntnisse auszubauen.

Es ist leichter, aus den Fehlern der andern, als aus eigenen Fehlern zu lernen

Walter Ludin

Meiner ersten Redeerfahrung verdanke ich viel

Meine erste Redeerfahrung zeigte mir ganz klar, dass vor Publikum reden kein einfaches Unterfangen ist. Es ist nicht umsonst eine der höchst klassifizierten Ängste überhaupt. 3 von 4 Menschen leiden an dieser „Glossophobie“. In diesem Blogartikel gehe ich auf verschiedene dieser Problematiken ein.

Heutzutage gibt es viele Möglichkeiten sich eine solide Grundlage im öffentlichen Reden anzueignen oder sich weiterzubilden. Hier sind nur einige davon:

  • Die besten Redner auf TEDx beobachten und daraus deinen eigenen Stil entwickeln,
  • Deine Redeproben selbst mit dem Smartphone aufnehmen und auswerten,
  • Aktiv an Seminaren, Webinaren, Workshops im Internet teilnehmen,

Leider kannst du deine Redeerfahrung in der Öffentlichkeit nur aufbauen und verbessern, wenn du selbst auftrittst. Nicht nur einmal. Oft und regelmäßig. Das erfordert ein hohes Maß an Disziplin, Willenskraft und Selbstmotivation.

Vor allem wegen der Seele ist es nötig, den Körper zu üben, und gerade das ist es, was unsere Klugschwätzer nicht einsehen wollen

Jean-Jacques Rousseau

Heute erschaudert mich die Erinnerung an meinen ersten Auftritt vor Publikum nicht mehr. Nein, ich kann ihn sogar als selbstironische Frage benutzen: „Hey habe ich dir bereits meinen peinlichen Auftritt während der Bureautec ´89 erzählt?“

Bild von Mohamed Hassan auf Pixabay

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