Welche Kompetenzen brauchen Redner im Ehrenamt wirklich?
Wer für seinen Verein vor Publikum spricht, braucht vor allem eines: rhetorisches Talent.
Oder?
Ich glaube, das ist einer der größten Irrtümer rund ums öffentliche Reden.
Natürlich hilft es, klar zu formulieren, eine gute Stimme zu haben und nicht jede zweite Minute „Ähm“ zu sagen.
Aber ein guter Redner im Ehrenamt braucht weit mehr als rhetorisches Geschick.
Er muss
- Menschen verstehen,
- wissen, was er mit seiner Rede erreichen will
- Vertrauen schaffen,
- motivieren,
- überzeugen und manchmal auch
- mit schwierigen Situationen umgehen können.
Diese ganze Palette muss allzu häufig unter Bedingungen geschaffen werden, die alles andere als professionell sind:
- wenig Vorbereitungszeit,
- Lampenfieber,
- eine widerspenstige Technik und
- ein Publikum, das vom langjährigen Vereinsmitglied bis zum Bürgermeister reichen kann.
Die gute Nachricht:
Du musst nicht mit all diesen Fähigkeiten geboren werden.
Du kannst sie entwickeln.
Hier sind die 10 Kompetenzen, die aus meiner Sicht entscheidend sind, wenn du für deinen Verein oder deine gemeinnützige Organisation das Wort ergreifst.
Die Sprache des Herzens können alle Menschen verstehen, aber immer weniger können sie noch sprechen.
Ernst Ferstl
1. Kommunikative Kompetenzen: Verständlich statt beeindruckend
Ein guter Redner muss nicht besonders geschliffen sprechen. Er muss verstanden werden.
Gerade im Ehrenamt sitzen oft sehr unterschiedliche Menschen im Publikum: langjährige Mitglieder, neue Freiwillige, Politiker, Sponsoren, Eltern, Jugendliche oder Pressevertreter.
Die Kunst besteht darin, komplexe Dinge einfach, konkret und anschaulich zu erklären.
Mit anderen Worten:
Sprich nicht so, dass du kompetent klingst. Sprich so, dass dein Publikum dich versteht.
Rede immer einfach und leicht verständlich.
Paul Schibler
2. Empathische Kompetenzen: Die Welt aus Sicht des Publikums sehen
Hier liegt meiner Meinung nach eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt.
Viele unerfahrene Redner fragen sich:
👉 „Was möchte ich sagen?“
Gute Redner fragen zusätzlich:
👉 „Was brauchen diese Menschen jetzt von mir?“
Ein Sponsor braucht andere Argumente als ein freiwilliger Helfer. Ein langjähriges Vereinsmitglied reagiert anders als jemand, der den Verein zum ersten Mal kennenlernt.
Empathie entscheidet deshalb oft darüber, ob eine Rede nur gehört oder wirklich angenommen wird.
Die Armut an Empathie zerstört Sympathie.
Hubert Joost
3. Soziale Kompetenzen: Menschen mitnehmen, nicht überfahren
Im Ehrenamt ist das besonders wichtig, weil Zusammenarbeit selten über Hierarchie funktioniert.
Man kann Freiwilligen nicht einfach sagen:
„Das machen wir jetzt so.“
Oder zumindest nur einmal.
Ein Redner muss unterschiedliche Meinungen respektieren, Spannungen erkennen und auch schwierige Botschaften so formulieren können, dass Menschen ihr Gesicht wahren.
Wer, um sein Gesicht zu wahren, seine Seele verkauft, verliert sein Gesicht.
Andreas Tenzer
4. Strategische Kompetenzen: Wissen, wohin die Rede führen soll
Eine Rede ist kein Selbstzweck.
Vor jedem Auftritt sollte die Frage stehen:
👉 Was soll nach meiner Rede anders sein als vorher?
Sollen Menschen zustimmen? Spenden? Mitmachen? Vertrauen gewinnen? Eine Veränderung akzeptieren? Sich wertgeschätzt fühlen?
Hier passt diese Formel sehr gut:
„Ich möchte mein Publikum [Absicht], damit es [Ziel].“
„Ich möchte mein Publikum überzeugen, damit es unser neues Projekt finanziell unterstützt.“
Strategische Kompetenz verhindert vor allem einen häufigen Fehler: Man erzählt alles, was man weiß, statt das zu sagen, was für das Ziel wichtig ist.
Es ist sehr gut zu wissen, wohin man gehen will; aber man muss auch zeigen, dass man dorthin geht.
Emile Zola
5. Motivationskompetenzen: Aus Zuhörern Mitmacher machen
Im Ehrenamt reicht Information oft nicht.
„Wir brauchen noch Helfer für Samstag“
ist eine Information.
Warum es wichtig ist, mitzumachen, welchen Unterschied die Hilfe macht und was gemeinsam möglich wird, das schafft Motivation.
Gute Redner vermitteln deshalb nicht nur Aufgaben. Sie vermitteln Bedeutung.
Etwas ist nur von Bedeutung, solange es Einfluss nehmen kann.
Oleg Anokhin
6. Überzeugungskompetenzen: Glaubwürdig argumentieren
Überzeugen bedeutet nicht, jemanden rhetorisch auszutricksen.
Gerade im Ehrenamt funktioniert das langfristig ohnehin nicht.
Überzeugung entsteht aus einer Kombination von:
klaren Argumenten + konkreten Beispielen + Glaubwürdigkeit + Emotion.
Ein Beispiel:
Informieren sagt: „… das ist unser Projekt.“
Überzeugen sagt: „… deshalb lohnt es sich, dieses Projekt zu unterstützen.“
Überzeugen ist schwerer als überreden. Zum Überzeugen braucht man Argumente, zum Überreden nur Worte.
Carl Peter Fröhling
7. Emotionale Kompetenzen: Gefühle dürfen vorkommen
Ehrenamt ist emotional.
Menschen investieren Freizeit, Herzblut und manchmal Jahrzehnte ihres Lebens in eine Sache.
Deshalb dürfen Reden im Ehrenamt auch berühren.
- Eine Dankesrede ohne Wärme wirkt steril.
- Eine Trauerrede ohne Mitgefühl distanziert.
- Eine Motivationsrede ohne Begeisterung verpufft.
Emotionale Kompetenz bedeutet dabei nicht, möglichst dramatisch zu werden. Es bedeutet, Gefühle passend zur Situation glaubwürdig zuzulassen und auszudrücken.
Gefühle ändern Tatsachen.
Ulvi Gündüz
8. Präsentationskompetenzen: Inhalt braucht Wirkung
Eine hervorragende Botschaft kann untergehen, wenn sie monoton vom Blatt abgelesen wird.
Deshalb gehören auch handwerkliche Fähigkeiten dazu:
Stimme, Tempo, Pausen, Blickkontakt, Körpersprache, Storytelling und der Umgang mit Mikrofon oder Präsentationstechnik.
Das Schöne daran: Diese Fähigkeiten sind lernbar.
Niemand muss als „Naturtalent“ geboren werden.
Manche Zeitgenossen präsentieren sich oftmals so aufgeblasen, dass man sich sehnlichst wünscht, man hätte eine Nadel zur Hand.
Willy Meurer
9. Situative Kompetenzen: Wenn plötzlich alles anders kommt
Dieser Punkt unterscheidet sich von vielen üblichen „Rednerkompetenz“-Listen.
- Im Ehrenamt läuft selten alles exakt nach Plan.
- Der Vorredner überzieht zehn Minuten.
- Das Mikrofon funktioniert nicht.
- Eine kritische Zwischenfrage kommt.
- Die vorbereitete Folie fehlt.
- Oder plötzlich ist der berühmte rote Faden weg.
Gute Redner können wahrnehmen, akzeptieren und reagieren, statt krampfhaft am ursprünglichen Plan festzuhalten.
Souveränität zeigt sich oft nicht daran, dass nichts schiefgeht. Sie manifestiert sich darin, wie man damit umgeht.
Das Leben kann man nicht nach Plan leben, doch kann man das Leben planen und leben.
Julian Nasiri
10. Selbstführungskompetenzen: Sich selbst führen, bevor man andere erreicht
Wer vor Publikum spricht, muss mit Nervosität, Selbstzweifeln, Perfektionismus und Lampenfieber umgehen können.
Nicht mit dem Ziel:
„Ich darf nicht nervös sein.“
Sondern:
👉 „Ich kann auch dann sprechen, wenn ich nervös bin.“
Das ist eine enorme Kompetenz und vermutlich eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass Ehrenamtliche überhaupt öfter das Wort ergreifen.
Nur jene Wege taugen etwas, die den Menschen auch ein wenig zu sich selbst führen.
Martin Gerhard Reisenberg
Eine elfte Kompetenz
Ich würde noch eine Fähigkeit ergänzen, aber bewusst außerhalb der klassischen Zehnerliste:
Glaubwürdigkeitskompetenz: Sagen, wofür man wirklich steht
Im Ehrenamt spricht man selten nur für sich selbst.
Man spricht auch für einen Verein, eine Initiative, eine Mission oder eine Gemeinschaft.
Deshalb braucht ein Redner Einklang zwischen dem, was er sagt, wie er es sagt und wofür die Organisation tatsächlich steht.
👉 Menschen müssen dir nicht jedes Wort glauben. Aber sie müssen glauben, dass du selbst an deine Worte glaubst.
Glaubwürdigkeit könnte man zwar unter Überzeugungskompetenz einordnen. Ich habe sie hier trotzdem hergehoben, weil sie im Ehrenamt einen besonderen Stellenwert hat.
Glaubwürdigkeit ist dauerhafter als Ruhm.
Pavel Kosorin
Fazit
Vielleicht denkst du jetzt:
„Schön und gut. Aber muss ich wirklich all das können, nur um bei der nächsten Mitgliederversammlung fünf Minuten zu sprechen?“
Nein.
Du musst nicht in allen zehn Bereichen perfekt sein.
Vielleicht kannst du Menschen bereits hervorragend motivieren, fühlst dich aber vor dem Mikrofon noch unsicher.
Vielleicht argumentierst du überzeugend, hast aber Schwierigkeiten, deine Botschaft kurz und klar auf den Punkt zu bringen.
Oder du bist sehr empathisch, traust dich aber noch nicht, vor einer größeren Gruppe das Wort zu ergreifen.
Das Entscheidende ist nicht, überall perfekt zu sein.
Das Entscheidende ist zu erkennen, wo deine Stärken liegen und welche Fähigkeit du als Nächstes entwickeln möchtest.
Denn gute Redner werden nicht als gute Redner geboren.
Sie werden besser, indem sie reden.
Ein Auftritt nach dem anderen.
Sie müssen nicht perfekt sein, es reicht, die richtigen Dinge richtig zu machen.
Carsten Maschmeyer
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